Nächtliche Unruhe auf dem Dachboden

Angaben zur nächtlichen Unruhe auf dem Hinterkaifeckschen Dachboden vor der Tat sind nur in der Aussage des Wenzeslaus Bley vom 8.8.1930 enthalten.

Vom Hörensagen will Bley etwas über die nächtliche Unruhe auf dem Dachboden in der Wirtschaft gehört haben.
Gruber sei einen Tag vor dem Mord in Schrobenhausen in einer Eisenwarenhandlung (vermutlich in der Eisenwarenhandlung Vogel) gewesen und habe dort erzählt, dass er schauen müsse, dass er wieder heimkomme, denn in seinem Hause sei etwas nicht in Ordnung. Während der vergangenen Nacht sei keine Ruhe gewesen, er habe die ganze Nacht etwas gehört wie wenn jemand oben herumgehe. Er sei aufgestanden und mit Licht hinaufgegangen und habe dort aber nichts gesehen. Er fürchte sich aber nicht, denn sein Gewehr habe er schon gerichtet. Auch die Viktoria Gabriel sei nachmittags in einem Geschäft in Schrobenhausen gewesen und habe eine ähnliche Äußerung wie ihr Vater gemacht und dass es zu Hause unheimlich sei.

Eine unmittelbare Zeugenaussage, die diese Erzählungen bestätigt, existiert nicht.

Bei dieser Geschichte dürfte es sich um eine besonders gruselige Ausschmückung der Geschichte von den auf dem Dachboden versteckten Mördern der Hinterkaifecker handeln, die den Mythos des Unheimlichen maßgeblich begründet hat.

Sehr zeitnah nach dem Mord war vermutet worden, dass sich die Mörder bereits tagelang vor dem Mord auf dem Dachboden der Hinterkaifecker versteckt hatten und dort auf eine günstige Gelegenheit zur Tat gewartet haben. Hatten sich doch die Ermittlungsbehörden sehr schnell auf fremde herumziehende Raubmörder als Täter festgelegt, die anders als Einheimische nicht die so entscheidenden Kenntnisse von den baulichen Gegebenheiten des Anwesens und vom Alltagsablauf der Opfer haben konnten und die sich die fehlenden Kenntnisse durch versteckte Beobachtungen erst kurz vor der Tat im Schnellverfahren aneignen mussten.

Aus dieser vorgegebenen Richtung entwickelte sich sehr schnell eine spezielle Vorgeschichte zur Tat, die beispielsweise in dem Zeitungsbericht des Hans Lautenbacher, erschienen in der "Neuen Augsburger Zeitung" vom 8.4.1922, nachzulesen ist.

Artikel von H.Lauterbacher

Begründet wurde die Vermutung vor allem damit, dass auf dem Dachboden des Hinterkaifeckschen Anwesens an zwei Stellen Heu zusammengelegen gewesen sei, was als Liegestätte für zwei Personen gedient haben könnte und das Heu ausgebreitet war und zwar von der Liegestätte bis zum Getreideboden, um den Schall der Schritte auf dem Dachboden zu dämpfen. Man ging also davon aus, dass die Mörder von Hinterkaifeck schon Tage vor der Tat ins Anwesen eingedrungen waren und auf dem Dachboden in einer Art Parallelwelt gelebt haben.

Zum Dachboden und zu den Spuren auf dem Dachboden liegt als verlässliche Quelle das Augenscheinsprotokoll des Oberamtsrichters Wiessner vom 4.4. und 5.4.1922 vor. Seine Angaben haben Beweiskraft.

Das Augenscheinsprotokoll von Oberamtsrichter Wiesner

Wiessner hat angegeben, dass sich in der nördlichen Hälfte des Maschinenhäuschens in Schulterhöhe über dem Fußboden ein kleiner Dachboden befindet, der durch eine angelehnte Leiter erreicht werden kann. Auf diesem Boden habe sich verstreut ein Haufen Stroh befunden und in diesem Stroh fanden sich Eindrücke, wie wenn dort eine oder mehrere Personen längere Zeit gelegen wären.

Durch Wiessners Angaben wird somit ein bewusst ausgelegter Heuteppich von der Liegestätte bis zum Getreideboden als Schalldämmungsmaßnahme nicht bestätigt. Bestätigt werden lediglich Eindrücke im verstreuten Stroh auf dem Dachboden, die auch vom Liegen von nur einer Person herstammen könnten. Besonders wichtig an Wiessners Feststellungen ist jedoch, dass sich der kleine Dachboden mit den Liegespuren in Schulterhöhe befand und über eine angelehnte Leiter erreicht werden konnte.

Ein Dachboden in etwa vergleichbarer Höhe befindet sich in den Häusern im Moos:

©Elfeee
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Ein solch niedriger und über eine angelehnte Leiter erreichbarer Dachboden kann Mördern vor der Tat nicht als sicheres Versteck gedient haben. Der als aufmerksamer Wachhund beschriebene Hund der Hinterkaifecker hätte sich dort hin begeben und so lange an der Leiter gebellt bis Gruber mit der Mistgabel bewaffnet Nachschau gehalten hätte, die Mörder entdeckt, gestellt und hochkant rausgeworfen hätte.

Aus diesem Grunde handelt es sich bei der Geschichte von den Mördern auf dem Dachboden um eine unsinnige Konstruktion, die davon überzeugen sollte, dass dreiste und unheimliche Fremde ins Leben der Hinterkaifecker eingedrungen sind und sie ermordet haben. Als Tüpfelchen auf dem "i" dieser Geschichte ist die Erzählung von der nächtlichen Unruhe auf dem Dachboden zu sehen.

Kriminaloberinspektor Riedmayr, der den Inhalt der Aussage des Wenzeslaus Bley vom 8.8.1930 zu bewerten hatte, da sie der Auslöser für die ihm von Oberstaatsanwalt Kestel übertragenen neuen Ermittlungen waren, geht mit keinem Wort auf diese Vorgeschichte ein. Er hat ganz offensichtlich dieser Vorgeschichte über die versteckten Mörder auf dem Dachboden, die nachts Unruhe verursacht haben sollen, keinerlei Bedeutung beigemessen.

©AngRa
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