Intimes Verhältnis Lorenz Schlittenbauer - V.G. Gabriel

Viktoria Gabriel war 13 Jahre jünger als der Nachbar Lorenz Schlittenbauer.
Sie war laut Andreas Schwaiger eine gutaussehende Frau und eine gescheite Person, die zum Lieben gewesen wäre.
Er spricht später aus, was früher vermutlich alle heiratsfähigen Männer über die Hinterkaifecker Hoferbin dachten. Andere Nachbarn beschreiben sie als Frau, die sehr fleißig war und in der Landwirtschaft zupacken konnte.
Als Hoferbin war sie auch vermögend. Sie wäre also für einen Hofbesitzer die ideale Ehefrau gewesen.
Mit ihr wäre wohl jeder Mann gerne eine Beziehung eingegangen und laut Andreas Schwaiger war auch V.G. eine Frau, die gerne geheiratet hätte.

V.G. kannte L.S. ihr ganzes Leben lang. Er war Ortsführer und genoss somit in der Gemeinde ein gewisses Ansehen. Er war vermögend, denn er bewirtschaftete einen eigenen Hof und hatte mehr Land als die Hinterkaifecker. Außerdem hatte er durch die lange Krankheit und den Tod seiner Frau einen Schicksalsschlag hinter sich, der vergleichbar dem Schicksalsschlag war, den V.G. durch den Kriegstod ihres Mannes erlitten hat.
Für die erste Blutschande Anzeige konnte sie ihn nicht persönlich verantwortlich, denn er war damals 1915 im Krieg. Das alles machte ihn für V.G. letzten Endes zu einem verheißungsvollen Heiratskandidaten.

Nach L.S. Angaben in der polizeilichen Vernehmung vom 30.3.1931 begann das intime Verhältnis mit V.G. ungefähr 14 Tage nach dem Tode seiner ersten Frau.
Er betonte auch, dass er V.G. geheiratet hätte. Die sexuelle Annäherung und der Wunsch nach Heirat sei von ihr ausgegangen. Sie habe ihn ins Heu gezogen und ihm den Geschlechtsverkehr angeboten und sie habe ihn auch gebeten mit ihrem Vater über eine Heirat zu reden.
Unter der Voraussetzung, dass L.S. über den Anfang der Beziehung die Wahrheit sagt, so hat sich V.G. nur deshalb getraut den ersten Schritt zu tun, weil sie L.S. gut kannte und weil sie sich ganz sicher war, dass er sie ebenfalls begehrt und sie auch heiraten wollte.
Andernfalls wäre sie auf eine solche Idee nicht gekommen, denn sie hätte es riskiert sich lächerlich zu machen und das einem Nachbarn gegenüber, dem sie nach einer Abfuhr nicht einfach hätte aus dem Wege gehen können, weil in einer dörflichen Gemeinschaft einer auf den anderen angewiesen ist.

Die Vernehmung Lorenz Schlittenbauer 1931

L.S. war damals auch bekannt, dass V.G. wegen Blutschande vorbestraft war.
Verurteilt worden sind V.G. und ihr Vater wegen Blutschande in einem damals schon sehr lange zurückliegenden Zeitraum, nämlich für den Zeitraum von 1907 bis Sommer 1910.

An ein Fortdauern der blutschänderischen Beziehung kann er am Anfang der Beziehung nicht geglaubt haben, denn ansonsten hätte er sie nicht auf eine Beziehung mit ihr eingelassen und er hätte sie schon gar nicht heiraten wollen.
Auf ein unmoralisches Dreiecksverhältnis hätte er sich aus vielen Gründen nicht eingelassen. Schon deshalb nicht, weil es neben gefühlsmäßigen Gründen wie Eifersucht auf den Nebenbuhler und Ekel vor der Blutschande auch einen ganz pragmatischen Grund gegeben hätte, denn es wäre nicht mal feststellbar gewesen, wer der Vater von V.G.s Kindern ist, die aus der intimen Beziehung/Ehe hervorgehen.
Seine Einlassung in der Vernehmung von 1931, er habe sie nach der Heirat auf den rechten Weg führen wollen, ist ein kläglicher Versuch zu erklären warum er sich überhaupt auf sie eingelassen hat, obwohl er von der Fortdauer der Blutschande ausgegangen ist. Der Erklärungsversuch klingt absurd.

Aus dem Verhalten der beiden, dass sie erst eine intime Beziehung eingegangen sind, als auch L.S. verwitwet war, lässt sich ablesen, dass sie es ernst miteinander gemeint haben, auch ein gemeinsames Kind billigend in Kauf genommen haben und nicht an flüchtigen Abenteuern interessiert waren, sondern an einer festen Bindung einschließlich Heirat nach Einhaltung des Trauerjahres.

L.S. erwähnt in seiner Aussage vom 30.3.1931 einen früheren Annäherungsversuch der V.G. ( "Du könntest mich jetzt leicht anpacken"), der kurz nach Karl Gabriels Tod während einer gemeinsamen Fahrt mit einem Fuhrwerk anlässlich eines Schranktransports stattgefunden haben soll. Wenn V.G. ihm damals ein solches Angebot gemacht hat, dann nur deshalb weil sie ihm ihr Interesse an ihm signalisieren wollte und weil sie sich sicher war, dass auch er ein gleiches Interesse an ihr als Frau hatte, denn bei einer Abfuhr hätte sie sich lächerlich gemacht.
Zwar hat L.S. ihr Angebot damals abgelehnt, weil er noch verheiratet war, aber diese Begebenheit muss für ihn eine besondere Bedeutung gehabt haben, denn er erinnert sich noch 16 Jahre später sehr genau an diesen Vorfall, als V.G. schon seit neun Jahren tot war.

Zunächst haben offenbar beide eine gemeinsame Zukunft geplant, einschließlich Heirat und gemeinsamer Kinder. Das hätte für sie beide sehr viele Vorteile mit sich gebracht, denn sie hätten ihr Vermögen und ihren Landbesitz zusammen gelegt und sie und später ihre gemeinsamen Kinder wären die größten Landbesitzer im Paartal gewesen.

Dann sind die Hochzeitspläne jedoch geplatzt. L.S. nennt als Grund dafür, dass Gruber die Hochzeit verhindert habe. Von V.G. ist keine Äußerung zum Nichtzustandekommen der Hochzeit bekannt.

Andreas Gruber war offensichtlich gegen die geplante Hochzeit. Entsprechend hat er sich damals nach Josefs Geburt gegenüber den Nachbarsjungen Andreas Schwaiger und Josef Schrittenlocher geäußert. Er war laut Andreas Schwaiger deshalb gegen die Heirat, weil er L.S. bzw. L.S.'s Umfeld dafür verantwortlich machte, dass er wegen Blutschande ein Jahr ins Zuchthaus musste.
Allerdings hätte er alleine durch sein Veto die Hochzeit nicht verhindern können, denn er hatte kein entscheidendes Druckmittel mehr in der Hand, weil er V.G. den Hof schon übergeben hatte.

Die Vernehmung Josef Schrittenlocher 1951 und 1952

Auch L.S.'s Familie dürfte gegen eine Hochzeit mit V.G. gewesen sein.
Aus der "Schlittenbauer-Chronik" ist bekannt, dass vor allem seine Schwiegermutter aus erster Ehe grundsätzlich dagegen war, dass L.S. nach dem Tod seiner ersten Frau wieder heiratet. Vermutlich hing es damit zusammen, das die Schwiegermutter "das Geld" auf den Hof gebracht hatte und daher der Hof und das sonstige Vermögen ihren leiblichen Enkeln zugute kommen sollte.
Bei einer erneuten Heirat hätten vor allem die Kindern aus der zweiten Ehe nach den damals in Bayern üblichen Ehe und Erbverträgen vom Vermögen des wieder verheirateten Vaters profitiert.

Naheliegender ist, dass beide Familien dazu beigetragen haben, dass die Ehe nicht zustande gekommen ist. V.G. und LS waren zwar Hofeigentümer, aber die Alten auf den Höfen hatten bei Heiratsplänen entscheidend mitzureden und die Jungen konnten nicht machen was sie wollten sondern mussten Rücksicht nehmen.
Die Alten haben mitgeredet, in dem sie vermutlich jeweils den Partner, den ihr Familienmitglied auserwählt hatte, schlecht gemacht haben. Die Beziehung wurde zerredet.Das anfangs gute Verhältnis zwischen den beiden verwandelte sich in ein schlechtes Verhältnis.

Aus Liebe wurde Hass. L.S. glaubte plötzlich, dass die schwangere V.G. ihn nur verführt habe, weil sie ihm das Kind des eigenen Vaters unterjubeln wollte. Blutschande Gerüchte wurden wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt und L.S. wollte für das ungeborene Kind nicht mehr aufkommen.

Die Situation eskalierte damit, dass L.S. V.G. und ihren Vater drei Tage nach Josefs Geburt wegen Blutschande anzeigte. V.G. muss über L.S.'s Anschuldigungen sehr erbost und auch enttäuscht gewesen sein. Sie hatte ein Neugeborenes zu versorgen und musste um ihrer beider Existenz bangen. Ihr drohte nach der Anzeige im Falle der Verurteilung als Wiederholungstäterin eine hohe Strafe. Was sollte unter diesen Umständen aus dem Kind werden?

Die Blutschande war Glaubenssache und offensichtlich war L.S. auch nach Erstellung der Anzeige hin und her gerissen, an was er glauben sollte.
Auf die Anzeige folgte vor dem Ermittlungsrichter die Rücknahme der Anzeige, auf die Rücknahme der Anzeige folgte die eidliche Bestätigung der Anzeige. Das alles zeugt von Wankelmütigkeit und innerer Zerrissenheit, ob er V.G. nun glauben sollte oder doch eher den Gerüchten über Blutschande.
Letzten Endes wurden V.G. und ihr Vater vor Gericht vom Vorwurf der Blutschande freigesprochen. Das heißt aber nicht, dass L.S. davon überzeugt war, dass Vater und Tochter nicht doch noch weiter in geschlechtlicher Beziehung standen.

Nach dem Freispruch Anfang des Jahres 1920 war das Verhältnis zwischen L.S. und V.G., das so verheißungsvoll begann, offenbar zerrüttet, denn es ist überliefert, dass V.G. nicht mal mehr mit ihm geredet hat.

©AngRa
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