Die fehlende Aussage von Pfarrer Haas



Michael Haas war zum Zeitpunkt des Mordfalls bereits seit 12 Jahren Pfarrer in Waidhofen. Als langjähriger Beichtvater und Seelsorger kannte er seine Gemeindemitglieder sehr gut und wusste um ihre Sünden und seelischen Verstrickungen. Aus Gesprächen über den Mordfall Hinterkaifeck hielt er sich nicht heraus, sondern äußerte gegenüber dem Waidhofener Lehrer Hans Yblagger einen konkreten Verdacht und wunderte sich in Gesprächen mit dem Oberst Hueber aus Schrobenhausen immer wieder darüber, dass die Polizei den Mörder nicht längst verhaftet hatte ohne ihm gegenüber einen konkreten Verdacht zu nennen.

Äußerungen dieser Art müssen innerhalb der Bevölkerung zwangsläufig den Verdacht genährt haben, dass er wusste wer der Mörder ist. Tatsächlich sind die Äußerungen von Pfarrer Haas jedoch ein Hinweis darauf, dass ihm der Mord nicht im Rahmen einer Beichte gestanden worden ist, denn nur deshalb konnte er sich an Spekulationen beteiligen ohne gegen das Beichtgeheimnis zu verstoßen.

Nicht wenige dürften vor allem das Beichtgeheimnis dafür verantwortlich gemacht haben, dass die grausame Tat nicht längst durch eine Aussage des Pfarrers aufgeklärt werden konnte. Vor allem den Gendarmen dürfte seine Aussage missfallen haben, dass in einem nicht aufgeklärten Mordfall der Täter leicht zu fassen sei, wenn die Polizei nur endlich zugreifen würde. Darin steckt Kritik an der Polizeiarbeit, die auch noch arrogant und überheblich wirkt und die von jemandem geäußert wurde, der seinerseits zur Aufklärung des Verbrechens nichts beitragen konnte.

Zu einer förmlichen Zeugenaussage vor der Polizei oder dem Ermittlungsrichter war Pfarrer Haas nicht verpflichtet, denn er konnte sich wegen seines Priesteramtes auf ein Zeugnisverweigerungsrecht und auf das Beichtgeheimnis berufen. Dennoch gab es Spekulationen darüber, dass er Entscheidendes vor den Ermittlungsbehörden ausgesagt haben könnte und dass das Protokoll mit seiner Aussage möglicherweise sogar aus den Akten entfernt worden ist.

So erwähnte Peter Leuschner in seinem Buch "Der Mordfall Hinterkaifeck" dass die Akten ähnlich rätselhaft seien wie der gesamte Mordfall, da die Aussagen des Ortsgeistlichen fehlten. In einem später angelegten Namensverzeichnis sei unter dem Buchstaben "H" eine handschriftliche Bleistiftnotiz mit dem Hinweis vorhanden "Pfarrer Haas in Waidhofen fehlt! Bd. III/ 1061."Aufgrund der Bezeichnung "1061" sei zu vermuten, dass es sich nur um eine einzelne Seite gehandelt haben dürfte. Fraglich sei, was auf der Seite gestanden habe oder ob der Geistliche doch nicht richtig vernommen worden sei.

Spätere Nachforschungen haben ergeben, dass die Seite 1061 nicht fehlt und somit auch nicht entfernt worden sein kann, sondern dass mit "S. 1061" nicht auf eine Aussage von Pfarrer Haas sondern auf eine Aussage des Lehrers Yblaggers verwiesen wird, der von Oktober 1922 bis Oktober 1927 in Waidhofen tätig war und der in seiner Vernehmung vom 19.2.1931 angegeben hatte, dass er öfters mit Pfarrer Haas über den Mordfall gesprochen habe. Im Nachhinein dürfte es einem Bearbeiter anlässlich der Aktensichtung aufgefallen sein, dass ein 1931 vernommener Zeuge damals Pfarrer Haas als weiteren Zeugen erwähnt hat und dass trotzdem kein Aussageprotokoll von Pfarrer Haas existiert. Rätselhaftes und Geheimnisvolles verbirgt sich hinter der Aktennotiz somit nicht.

Im Laufe der Zeit hat Pfarrer Haas sich öfters zum Mordfall geäußert. Aus der Vernehmung des Lehrers Yblagger ist bekannt, dass Pfarrer Haas den Brandmetzger Kaspar verdächtigte. Dass er vor allem Kaspar verdächtigte, bestätigt auch ein Vermerk der Münchner Polizeidirektion vom 25.2.1924. Damals hatte er im Rahmen einer persönlichen Vorsprache anonyme Angaben zum Mordfall gemacht, die offenbar den Zweck hatten durch die Anregung von Zeugenvernehmungen den Verdacht gegen Kaspar zu erhärten und ihn gegebenenfalls zu überführen.

Aussage von Pfr. Haas

Auch schon zu Beginn der Ermittlungen hat Pfarrer Haas der Polizei gegenüber anonyme Angaben gemacht, indem er eine Charakterschilderung des Karl Bichler lieferte, die im Bericht des Polizeibeamten Neuss erwähnt wird.

Bericht_des_Kommissärs Neuss vom 2.5.1922

Seine Äußerungen führten wohl immer wieder zu Spekulationen, dass er mehr wusste, als er offen sagte und an einer Aussage nur durch das Beichtgeheimnis gehindert wurde.Letzten Endes hatten seine Äußerungen wohl auch zur Folge, dass es nach seinem Tod Gerüchte gab, dass er noch mit Genehmigung des Vatikans aussagen wollte, dass sein plötzlicher Tod dies aber verhindert habe. Xaver Meiendres, der seit 1931 die Gendarmeriestation Hohenwart als Nachfolger von Georg Goldhofer geführt hatte, erwähnte eine zu spät eingetroffene vatikanische Aussagegenehmigung in seinem Bericht vom 12.8.1948.

Bericht von Oberinspektor Xaver Meiendres vom 12.8.1948


Seine Angaben klingen zunächst wie eine absurde frei erfundene Geschichte, weil der Vatikan einen Bruch des Beichtgeheimnisses durch Erteilung einer Aussagegenehmigung nie ermöglicht hätte. Allerdings muss man diese Angaben im Lichte der Zeit sehen. Pfarrer Haas ist am 14.6.1933 gestorben, also in einer Zeit des Umbruchs zwischen der Machtergreifung der Nationalsozialisten Ende Januar 1933 und dem Reichskonkordat vom 20.7.1933, wo zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich in Art 9 der Schutz der Pflicht der seelsorgerlichen Verschwiegenheit und des Beichtgeheimnisses vereinbart wurde.

Im Reichskonkordat haben die Nationalsozialisten das Beichtgeheimnis somit zwar anerkannt. Ihre wahre Einstellung zum Beichtgeheimnis kann man allerdings am Tod des katholischen Pfarrers Dr. Hermann - Joseph Wehrle ablesen. Ihm ist das Beichtgeheimnis zum Verhängnis geworden, denn er ist am 20.9.1944 im Gefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet worden, weil er nicht angezeigt hatte, was ihm beim Beichten wegen des Attentats am 20. Juli 1944 anvertraut wurde.

Den Nationalsozialisten war das Beichtgeheimnis vermutlich immer ein Dorn im Auge, weil es einen Mörder im Falle eines Geständnisses im Rahmen einer Beichte vor der Strafverfolgung bewahrte. Vielleicht haben sich Anhänger der Nationalsozialisten in den ersten Monaten nach der Machtergreifung erhofft, dass das Beichtgeheimnis unter der neuen Herrschaft nicht mehr absolut gelten wird, so dass Pfarrer mit Genehmigung des Vatikans aussagen können, wenn ihnen in der Beichte ein Mord anvertraut worden ist.

Es könnte Hoffnung aufgekommen sein, dass auch der Mordfall Hinterkaifeck unter diesen Umständen doch noch aufgeklärt werden kann. Diese Hoffnung hätte sich dann jäh durch den Tod des Pfarrers zerschlagen. Insofern wäre der Mordfall Hinterkaifeck ein Paradebeispiel für die Kritiker des Beichtgeheimnisses gewesen, weil eine brutale Tat wegen der zu langen Rücksichtnahme auf das Beichtgeheimnis nicht mehr rechtzeitig aufgeklärt werden konnte.

Unmittelbar nach des Pfarrers plötzlichem Tod könnten solche Gedanken, die nach einem Showdown ohne Happyend klingen in Waidhofen die Runde gemacht und die Gemüter erhitzt haben, so dass sich der Gendarm Meiendres auch noch 26 Jahre nach der Tat an diesen Vorgang erinnert hat und ihn in seinem Bericht vom 12.8.1948 festgehalten hat.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Pfarrer Haas sich nach jetzigem Wissensstand zwar an Spekulationen über den Täter beteiligt hat, dass er jedoch kein gesichertes Wissen darüber hatte, wer die Tat begangen hat und dass er nie eine förmliche Zeugenaussage getätigt oder beabsichtigt hat.

©AngRa
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