Die Ergebnisse der Obduktion

Die Ergebnisse der Obduktion

Die sechs ermordeten Bewohner von Hinterkaifeck wurden am 6. und 7.4.1922 auf ihrem Anwesen obduziert,

Eine Abschrift des Obduktionsprotokolls mit den Untersuchungsergebnissen des Landgerichtsarztes ist in den historischen Akten nicht vorhanden. Ein Obduktionsprotokoll muss es aber gegeben haben, denn eine gerichtliche Sektion war auch 1922 bei Mordfällen nichts Außergewöhnliches sondern eine selbstverständliche genau festgelegte Untersuchung, die routinemäßig durchgeführt und auch protokolliert wurde.

Von Gesetzes wegen wurde die Obduktion der sechs Opfer von zwei Ärzten durchgeführt. Einer der Ärzte war der Neuburger Landgerichtsarzt Dr. Johann Baptist Aumüller. Über den zweiten Obduzenten ist aus den historischen Akten von amtlicher Seite nichts bekannt. Über die Ergebnisse der Obduktion wurde auch Prof. Dr. Hermann Merkel vom gerichtsmedizinischen Institut in München unterrichtet, der als einer der bedeutenden Forensiker seiner Zeit galt. Nachforschungen haben ergeben, dass im Archiv des Münchner Instituts für Rechtsmedizin keine Abschrift des Obduktionsberichtes vorhanden ist.

Die Obduktion der Opfer musste nach den damaligen gesetzlichen Bestimmungen im Beisein einer Gerichtskommission stattfinden, bestehend aus dem Ermittlungsrichter und einem Gerichtsschreiber. Staatsanwalt und Polizei hatten das Recht anwesend zu sein, sie waren allerdings nicht zur Anwesenheit verpflichtet. Der Ermittlungsrichter des zuständigen Amtsgerichtes Schrobenhausen war Oberamtsrichter Johann Konrad Wiessner, der zuvor auch die richterliche Untersuchungshandlung der Inaugenscheinnahme am 4.und 5.4.1922 durchgeführt hatte. Das Protokoll der Obduktion wurde von einem Gerichtsschreiber des Amtsgerichts Schrobenhausen geschrieben. In Frage kommt hierfür Gerichtsassistent Schäfer, der zuvor schon das Augenscheinsprotokoll aufgenommen hat und nicht etwa Kanzleiassistent Heinrich Ney vom Landgericht Neuburg, der später als Zeuge seine Eindrücke vom Tatort und von den Verletzungen der Opfer geschildert hat..

Eine Abschrift des Obduktionsprotokolls, war im Hauptakt des Ermittlungsverfahrens offenbar von Anfang an nicht enthalten, denn Staatsanwalt Pielmayer erwähnt dieses Beweismittel in seinem ausführlichen Sachstandsbericht vom 6.11.1926 nicht, obwohl er Anlass gehabt hätte Angaben aus dem Obduktionsprotokoll zu verwenden, beispielsweise zu dem vom Landgerichtsarzt vermuteten Todeszeitpunkt der Opfer, der für die Tatzeit von Bedeutung gewesen wäre mit der Staatsanwalt Pielmayer sich auseinandergesetzt hat.

Auch geht er in seinem Bericht, indem er alle wesentlichen Ermittlungsergebnisse zusammengetragen hat, nicht auf die Verletzungen der Opfer ein, obwohl gerade diese Rückschlüsse auf die Vorgehensweise des Täters und auch auf ein mögliches Motiv zugelassen hätten, insbesondere in einem Fall, wo es kaum andere verwertbare Spuren gab.

Kriminaloberinspektor Martin Riedmayr aus München lagen offenbar ebenfalls keine Erkenntnisse aus dem Obduktionsprotokoll vor, denn in seinem Bericht vom 5.2.1931 geht auch er nicht auf die Verletzungen der Opfer ein, obwohl er sich insbesondere zur Reihenfolge der Tötungshandlungen Gedanken machte und Viktoria als das erste Opfer ansah. Ihm waren zumindest die widersprüchlichen Angaben des Staatsanwaltes Renner zu den Würgespuren am Hals eines der erwachsenen weiblichen Opfer aufgefallen, so dass er später im Rahmen der Vernehmung des Zeugen Schlittenbauer vom 30.3.1922 versuchte diese Widersprüche aufzuklären. Durch eine im Hauptakt enthaltene Abschrift des Obduktionsberichtes konnte er diese Widersprüche offensichtlich nicht klären.

Nach alledem kann davon ausgegangen werden, dass im Hauptakt des Ermittlungsverfahrens auch schon früher keine Abschrift eines Obduktionsprotokolls enthalten war und auch keine Abschrift eines vorläufigen Kurzgutachtens des Landgerichtsarztes.

Da es aber ein Obduktionsprotokoll gegeben haben muss und es nicht sofort untergegangen sein kann, muss dieses nach seiner Fertigstellung in einer gesonderten Akte abgelegt worden sein, wo alle Beweismittel im Original für ein späteres Gerichtsverfahren zusammengetragen wurden.

Die Führung aller Akten im Ermittlungsverfahren oblag auch 1922 allein der Staatsanwaltschaft Neuburg und nach deren Auflösung der Staatsanwaltschaft Augsburg, wo diese Akte wahrscheinlich nach einem Bombenangriff auf die Justizgebäude in Augsburg während des Zweiten Weltkriegs untergegangen ist.

Informationen zu den Ergebnissen der Obduktionen sind in dem Bericht des Staatsanwaltes Renner vom 10.4.1922 enthalten. Der Bericht ist nach Beendigung aller Obduktionen verfasst worden und enthält somit eine abschließende knappe Zusammenfassung der Ergebnisse. Bei allen Opfern wurden als Todesursache Schädelverletzungen festgestellt.

Besonders gravierend waren demnach die Verletzungen der Viktoria Gabriel, denn nur ihre Verletzungen hob Staatsanwalt Renner in Einzelheiten besonders hervor, indem er mitteilte, dass der Landgerichtsarzt bei der jungen Frau neun sternförmige Wunden am Kopf und Würgespuren am Hals festgestellt hatte. Er teilte außerdem mit, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes nicht schwanger gewesen sei.

Informationen zu den ersten drei Sektionen enthält auch ein Vermerk der Polizeidirektion München über einen Telefonanruf der Staatsanwaltschaft Neuburg vom 7.4.1922.

Eine Telefonnotiz über die Verletzungen der Opfer

Nur bei einer weiblichen Leiche wird in diesem Vermerk eine Vielzahl von Schlägen, nämlich sieben Schläge und ein Schlag in Dreiangelform erwähnt, sowie Würgespuren. Allerdings werden diese Verletzungen Viktorias Mutter, der Cäzilia Gruber zugeordnet. In diesem Telefongespräch hat Staatsanwalt Renner oder ein Vertreter sehr wahrscheinlich die Namen der beiden erwachsenen weiblichen Opfer verwechselt. Auch in seinem schriftlichen Bericht vom 10.4.1922 verwechselt er an einer Stelle den Vornamen der Viktoria Gabriel und bezeichnet sie im Zusammenhang mit der im ersten Blutschande-Strafverfahren verhängten Strafe als "Cäzilie" Gabriel. In seinem schriftlichen Bericht vom 10.4.1922 erwähnt er die schweren Verletzungen ( neun sternförmige Wunden, Würgespuren am Hals) hingegen als Verletzungen der jungen Frau, so dass hier eine Verwechslung ausgeschlossen werden kann und somit Viktoria die schweren Verletzungen erlitten haben muss.

Geht man davon aus, dass die in der Telefonnotiz erwähnten Verletzungen der Viktoria Gabriel ihrer Mutter zuzuordnen sind, dann hatte Cäzilia Gruber lediglich an der oberen Schädeldecke eine kleine runde Verletzung, sowie eine mit einem stumpfen Gegenstand eingeschlagene rechte Gesichtshälfte. Bei ihr hat der Täter offensichtlich nicht so oft zugeschlagen wie bei Viktoria.

Die gravierenden Verletzungen, die Vielzahl der Schläge und die Würgespuren deuten daraufhin, dass der Hass und die Wut des Täters auf Viktoria Gabriel besonders groß gewesen sein muss. Das lässt vermuten dass die Mordtat ihr gegolten hat und dass ihr Verletzungsbild an eine Tötung durch einen enttäuschten Liebhaber denken ließ. Denn in Zusammenhang mit einem Liebhaber ist wahrscheinlich auch der von Staatsanwalt Renner mitgeteilte Hinweis des Landgerichtsarztes zu sehen, dass bei Viktoria Gabriel eine Schwangerschaft nicht bestand. Das Ergebnis dieser Untersuchung wäre keiner Erwähnung wert gewesen, wenn nicht nach Auffassung des Landgerichtsarztes angesichts der Verletzungen der jungen Frau ein persönliches Motiv im Raume gestanden hätte.

Informationen zu den Verletzungen der ermordeten Kinder enthält das Augenscheinsprotokoll des Oberamtsrichters Wiessner vom 6.4.1922.

Das Augenscheinsprotokoll des Oberamtsrichters Wiessner

Demnach hatte die kleine Cäzilia Gabriel unten am Kinn eine querverlaufende breitklaffende Wunde. Diese Wunde wurde auch von einigen Zeugen beschrieben. In Staatsanwalt Renners Bericht vom 10.4.192 und in dem Vermerk über die Telefonnotiz vom 7.4.1922 wird die charakteristische Wunde des kleinen Mädchens nicht erwähnt. Als Verletzung wird hingegen erwähnt, dass die Schädeldecke des Kindes zertrümmert gewesen sei. Diese Verletzung passt besser zu den in anderen Quellen erwähnten Verletzungen ihres Bruders Josef Gabriel, denn laut Augenscheinsprotokoll wurde dem Jungen der Schädel durch einen Schlag durch das Verdeck des Kinderwagens hindurch zerschmettert.

Möglicherweise liegt auch bei dem in der Telefonnotiz verwendeten Kindernamen eine Verwechslung vor. Nach Aussage des Zeugen Heinrich Ney soll die kleine Cäzilia nach den Feststellungen des Gerichtsmediziners den Schlag zunächst mehrere Stunden überlebt haben.

Das Protokoll der richterlichen Vernehmung des Heinrich Ney

Ein Überleben des Schlages wird auch durch das Haarbüschel in ihrer Hand wahrscheinlich, das einige Zeugen gesehen haben und dass sie sich vor Schmerzen ausgerissen haben soll. Nicht plausibel wäre es hingegen, dass die Kleine nach der Zertrümmerung ihrer Schädeldecke noch einige Stunden gelebt hat.

Das Verletzungsbild der Opfer ist eigentlich schon nach den wenigen Informationen eindeutig, die heute in den historischen Akten enthalten sind. Der Hass und die Wut des Täters galten Viktoria, denn sie ist gewürgt und durch eine Vielzahl von Schlägen getötet worden. Bei der Tötung der Kinder hat der Täter offenbar so etwas wie Gewissen gezeigt und ist nicht völlig kalt und enthemmt vorgegangen, denn den kleinen Josef konnte er beim Töten nicht ins Gesicht sehen. Ihn hat er durch das Verdeck des Kinderwagens erschlagen und die kleine Cäzilia hat er nur halbherzig niedergeschlagen, so dass sie zunächst überlebt hat. Die anderen Erwachsenen hat er mit wenigen gezielten Schlägen getötet, um sie als Zeugen zu beseitigen.

Im Obduktionsprotokoll dürfte das noch deutlicher zum Ausdruck kommen, weil die Verletzungen ausführlicher beschrieben worden sind. Das hätte zur Folge gehabt, dass Staatsanwalt Renners Raubmordthese von den völlig verrohten marodierenden Mordbuben nicht mit den objektiven Verletzungsbildern in Einklang zu bringen war. Auf die Raubmordthese hatte Renner sich aber von Beginn an festgelegt. Die Fahndungsplakate bezeugen das.

Um keine Diskussion über die einmal festgelegte und als einzig richtig empfundene Ermittlungsrichtung zu entfachen , hat Renner offenbar den Obduktionsbericht und auch das landgerichtsärztliche Kurzgutachten nach Kenntnisnahme in der Beweismittelakte abgelegt und keine Abschrift in den Hauptakt gelangen lassen.

Die Untersuchungsergebnisse der Obduktionen für sich genommen hätten die Tat nicht aufklären und den Täter nicht überführen können, aber sie hätten am Anfang der Ermittlungen als objektive Erkenntnisse dazu wesentlich beitragen können, dass nicht einseitig in Richtung Raubmord ermittelt wird, sondern dass angesichts der Opferverletzungen ernsthaft nach einem persönlichen Motiv des Täters geforscht wird.

©AngRa
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