Wenig Anhaltspunkte
Eines wusste allerdings auch Schwarz nicht zu sagen: Wie das Sterbebildchen nach Hagelstadt kam. Stefan Rosenmeier, der Mesners-Sohn, hat im Laufe der Jahre mehrfach versucht, dieses Rätsel zu entschlüsseln. Er hat auch das Buch „Hinterkaifeck“ des Journalisten Peter Leuschner und das Theaterstück zum Thema gelesen. Doch schlüssige Anhaltspunkte hat er bislang nirgends gefunden. Auch Heinz Beck, Vorsitzender der Hagelstädter Theaterfreunde und akribischer Rechercheur, hat sich auf Spurensuche begeben und zumindest geholfen, ein paar der handschriftlichen Hieroglyphen auf dem Kärtchen zu entziffern. „Strafe Gottes“, „1 Jahr“ oder „Blutschande“ steht in Gabelsberger Kurzschrift, einer Schrift, die zu jener Zeit nur ein Gelehrter, ein Geistlicher oder Lehrer, beherrschte, rings um die Namen der sechs Toten, darunter die zwei kleinen Kinder der Witwe Victoria Gabriel, vermerkt. Beck hat die Sterbebücher durchforstet und bei Gesprächen erfahren, dass früher die Leute oft kilometerweit mit dem Fahrrad zu Beerdigungen gefahren seien. Doch eine engere Verbindung zwischen dem Ort des Geschehens und Hagelstadt hat auch er nicht gefunden. Nun nimmt Stefan Rosenmeier die Fährtensuche noch einmal auf, will den Kriminaler Müllerbesuchen und beispielsweise mit der Schwester des verstorbenen Pfarrers Brasch reden, der in Waidhofen die letzte Pfarrstelle inne hatte Denn: Bis 1950 gehörte Hagelstadt zur Pfarrei Langenerling, wurde von einem Kooperator, einem Kaplan, betreut. „Vielleicht war da mal einer da und hat das Sterbebild dann vergessen.“
Nein, der Mordfall Hinterkaifeck lässt Rosenmeier nicht mehr los - und auch seine 15-jährige Tochter Katharina scheint von dem Virus schon infiziert, die Neutraublinger Gymnasiastin hat das Thema in einem Referat aufgegriffen. „Weil's so mysteriös ist und keine Erklärung gibt - das lässt einen nicht ruhen“, sagt der 52-jährige Maler, früher ein begeisterter Theaterspieler. Nur eines weiß Rosenmeier gewiss: Das Sterbebildchen könnte er leicht verkaufen, es hat dank seiner Aufschrift absoluten Seltenheitswert. „Viele würden einen Haufen Geld dafür geben aber ich geb's nicht her.“
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Beschriftung des Hagelstadter Sterbebildchens:
neidisch wucherisch
(In) ganzer Umgegend
verachtet
(Wegen) Sittlichkeit 1 Jahr
Blutschande . (gedreht um 90°)
Strafe Gottes .

Zur Beschriftung des Sterbebildchens
Sterbebildchen werden in Bayern anlässlich der Totenmesse eines Verstorbenen verteilt.
Bei dem Hagelstädter Sterbebildchen handelt es sich um ein Original-Sterbebildchen wie es für die Opfer von Hintrkaifeck gedruckt und verteilt worden ist. Es handelt sich auch um das einzige beschriftete Sterbebildchen, was bisher gefunden worden ist.
Ob es aber bereits 1922 im Rahmen der Beerdigung verteilt worden ist, lässt sich vermutlich nicht mehr feststellen, da einiges dafür spricht, dass es wegen des großen Interesses Nachdrucke der Sterbebildchen gegeben hat. Somit lässt sich auch nicht mehr mit Sicherheit feststellen, wann das Sterbebildchen beschriftet worden ist.
Bekanntlich sind Sterbebildchen seit jeher begehrte Sammlerobjekte, die durch eine Beschriftung allerdings ihren Wert verlieren dürften. Das Gegenteil ist natürlich ausnahmsweise der Fall wenn wie beim Hagelstädter Sterbebildchen durch die Beschriftung gerade etwas Mysteriöses wie das Motiv für eine berühmte Mordtat ( Strafe Gottes) auf dem Bild verewigt wird.
Das Hagelstädter Sterbebildchen wurde überwiegend in Kurrentschrift beschrieben, die 1922 jeder schreiben konnte. Lediglich ein einzelnes Wort, nämlich die Abkürzung „wg“ könnte in Gabelsberger Kurzschrift geschrieben worden sein. Man kann daher nicht unbedingt davon ausgehen, dass der Beschrifter aus gelehrten oder klerikalen Kreisen stammt.
Die Wortwahl „Strafe Gottes“ lässt auch nicht unbedingt darauf schließen, dass der Beschrifter aus Kirchenkreisen stammt, denn der Begriff wurde früher , als viele Leute Glauben und Frömmigkeit nach außen gezeigt haben, auch im alltäglichen Gebrauch verwendet, obwohl er aus dem Alten Testament stammt und die bekannteste Strafe Gottes die Sintflut ist.
Die Wortwahl des Beschrifters „wg. Sittlichkeit“, „1 Jahr“ könnte auch in eine andere Richtung deuten. Im Reichsstrafgesetzbuch von 1871 gehörte Blutschande (§ 173) zu den „Sittlichkeitsdelikten“, d.h. zu den strafbaren Handlungen gegen die Sittlichkeit. Zum behördlichen Sprachgebrauch der damaligen Zeit gehörte es eine Verurteilung wegen eines derartigen Delikt als „wegen Sittlichkeit“ abzukürzen.Diese Wortwahl könnte somit darauf hindeuten, dass der Beschrifter des Sterbebildchens bei einer Behörde , vielleicht bei der Gendarmerie tätig war oder aus dessen Umfeld stammt.
Die Boshaftigkeit der Beschriftung, das Hervorheben der Schlechtigkeit der Opfer, spricht aber wieder eher dafür, dass der Beschrifter einen persönlichen Bezug zu den Opfern hatte, auch wenn er teilweise die Ausdrucksweise der Beamten übernommen hat.
Möglich ist natürlich auch, dass der Beschrifter nur das aufgeschrieben hat, was er von anderen aufgeschnappt hat.
Man kann in viele Richtungen überlegen, wie es zur Beschriftung des Sterbebildchens gekommen ist. Eine Lösung für dieses Rätsel wird es wohl nicht mehr geben.
A.R.