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Leichenzug

Auf ihrem landwirtschaftlichen Anwesen in Hinterkaifeck, nahe dem Dorf Gröbern das im Gemeindegebiet von Wangen lag und das zum Bezirk Schrobenhausen/Oberbayern gehörte, wurde am Freitag, den 31.3.1922 nach Einbruch der Dunkelheit die fünfköpfige Familie Gruber/Gabriel ermordet. Mit der Bauernfamilie starb eine Magd, die erst wenige Stunden zuvor auf dem Hof angekommen war.

Bei den Opfern handelt es sich um:

das Austragsehepaar Cäzilia und Andreas Gruber
Cäzilia, geb. Sanhüter, verwitwete Asam ( * 27.11.1849 in Gerolsbach).
Andreas Gruber ( *9.11.1858 in Grainstetten)


deren einziges gemeinsames Kind
Viktoria Gabriel, geb.Gruber, Hofeigentümerin, Witwe von Karl Gabriel aus Laag, ( * 9.2.1887 in Hinterkaifeck),

sowie deren Kinder
Cäzilia Gabriel ( * 9.1.1915), einziges Kind aus der Ehe mit Karl Gabriel,
Josef Gruber ( * 7.9.1919), unehelicher Sohn, für den Lorenz Schlittenbauer, der Nachbar und Ortsführer von Gröbern am 30.9.1919 zu Protokoll des Vormundschaftsgerichtes in Schrobenhausen die Vaterschaft anerkannt hatte,


die unverheiratete Magd
Maria Baumgartner ( * 2.10.1876 in Kühbach).

Alle Opfer wurden im Anwesen mit einer Reuthaue erschlagen. Das Tatwerkzeug wurde erst beim Abriss des Anwesens fast ein Jahr nach der Tat auf dem Dachboden, versteckt unter einem Fehlboden, entdeckt.
Untersuchungen ergaben, dass alle Opfer mit ein und demselben Tatwerkzeug erschlagen wurden. Ob bei der Tat weitere Tatwaffen verwendet wurden, ist nicht bewiesen.

Die Mordtat wurde erst nach vier Tagen am 4.4.1922 von den Gröbernern Nachbarn Lorenz Schlittenbauer, Michael Pöll und Jakob Sigl entdeckt.
Die Männer begaben sich unter Führung des Ortsführers Schlittenbauer zum Anwesen der Opfer, nachdem ein Monteur gemeldet hatte, dass er, obwohl er einige Tage zuvor beauftragt worden war den Benzinmotor zu reparieren auch nach stundenlanger Arbeit auf dem Hof keinen der Bewohner gesehen oder gehört habe.

Im Anwesen wurden die sechs Bewohner tot aufgefunden.
Die Eheleute Gruber, ihre Tochter Viktoria Gabriel und deren Tochter Cäzilia Gabriel lagen erschlagen im Stadel, abgedeckt mit Heu und einer Tür.
Die Magd Maria Baumgartner lag tot in der Mägdekammer, abgedeckt mit einer Decke.
Der zweijährige Josef Gruber lag erschlagen in seinem Stubenwagen im Schlafzimmer seiner Mutter Viktoria Gabriel, abgedeckt mit einem Rock seiner Mutter.

Noch in der Nacht des 4.4.1922 fand eine erste richterliche Augenscheinsnahme durch den Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Schrobenhausen Johann Konrad Wiessner statt.
Am 5.4.1922 fand bei Tageslicht bei eine weitere richterliche Augenscheinnahme statt an der auch Theodor Hensolt als Vertreter der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Neuburg teilnahm.

Beamte der Münchner Polizeidirektion trafen in der Nacht in Wangen im Hause des Bürgermeisters ein und untersuchten am 5.4.1922 sobald es hell wurde den Tatort.

Von Kriminaloberinspektor Georg Reingruber der Münchner Polizeidirektion, der die Leichen am Tatort gesehen hat, ist die Aussage überliefert, dass sich ihm ein solch grauenhafter Anblick noch nie geboten habe.

Das Mordhaus hingegen wies keinerlei Spuren von Verwüstung oder Durchsuchung auf. Nur ein Schrank neben Viktoria Gabriels Bett war vermutlich durchwühlt worden, denn auf ihrem Bett lagen mehrere Gegenstände herum, unter anderem ein Notizbuch, beschriebene Papiere, eine leere Brieftasche und eine Damenuhr.

Die Gerichtskommission stellte fest, dass Geld und Wertsachen in Viktorias Schrank im Anwesen zurück gelassen wurden und zwar unter anderem Goldmünzen im Wert von 1.880 Mark, Silbermünzen im Wert von 327 Mark, zwei goldene Ringe mit Opalsteinen, ein Paar goldene Ohrringe, zwei Eheringe, eine silberne Herrenuhr, eine silberne Damenuhr und eine Pelzstola.
Es konnte hingegen nicht mit Sicherheit festgestellt werden, das der oder die Täter Geld oder Wertsachen aus dem Anwesen mitgenommen haben.

Auch der Hofhund, ein Spitz und das Vieh bestehend aus zwei Ochsen, zwei Stieren, vier Kühen, drei Jungrindern, zwei Kalbinnen, drei Kälbern, zwei Ferkeln und ungefähr 25 Hühnern hatten im Stall überlebt, vermutlich weil es in den vier Tagen nach der Tat bis zur Entdeckung der Leichen wenigstens notdürftig versorgt worden war, wie es insbesondere Staatsanwalt Pielmayer in seinem Bericht vom 6.11.1926 vermutete. Allem Anschein nach wurde die Entdeckung der Tat verzögert um die Aufklärung zu erschweren.

Die vom Neuburger Landgerichtsarzt Dr. Aumüller durchgeführten Obduktionen der Opfer fanden am 6.und 7.4.1922 auf dem Anwesen statt. Über den Inhalt des Obduktionsprotokolls ist nichts bekannt.Es liegen aber unter anderem schriftliche Angaben von Staatsanwalt Renner zu den Verletzungen der Opfer und zur Tatwaffe vor. Renner muss das Ergebnis der Obduktionen aus erster Hand gekannt haben.

Er hob in seinem ersten Bericht an seinen Vorgesetzten vom 10.4.1922 die Verletzungen der jungen Hofeigentümerin Viktoria Gabriel besonders hervor und gab an dass die Leiche der jungen Frau nicht weniger als neun sternenförmige Wunden am Kopf aufwies und Würgespuren am Hals zeigte. Das deutet daraufhin, dass der Täter einen besonderen Hass auf sie hatte und dass die Tat ihr galt.

Trotzdem haben die Behörden die Mordtat vorschnell als Raubmord eingestuft und damit eine falsche Ermittlungsrichtung vorgegeben, die zu einem Desaster geführt hat.


Die Tat konnte nach jahrzehntelangen Ermittlungen bis heute nicht aufgeklärt werden. Es gab einige Tatverdächtige. Einige von ihnen wurden in Untersuchungshaft genommen und dann wieder freigelassen. Zu einer Anklage kam es nie.

Um den Mordfall Hinterkaifeck rankten sich schon sehr bald nach der Tat viele Legenden und Mythen. Unheimliche Vorkommnisse vor der Tat wurden dem Mord angedichtet. Die Opfer wurden meist in einem schlechten Licht dargestellt, als geizige und moralisch verkommene Menschen, vor allem weil oft unkritisch bis in die heutige Zeit die Sichtweise eines tatverdächtigen Nachbarn übernommen wurde.

Es ist an der Zeit fast 100 Jahre nach der Tat den Mordfall zu entmythologisieren und vor allem von den Opfern ein realitätsnahes Bild zu zeichnen um ihnen gerecht zu werden.

Die Diskussion in diesem Forum soll dazu beitragen.